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Kicking
the Cat
Jörg Heiser über Jeroen de Rijke/Willem de Rooij und
die Frage der Wahrheit
Im Juni 1976 erscheint ein Interview von Steward Brand mit dem berühmten
Anthropologen-Ehepaar Margaret Mead und Gregory Batsen. Darin unterhalten
sich die beiden über das Für und Wider statischer Kameraeinstellungen
im ethnographischen Dokumentarfilm.1
B:
...Well, it [the camera] should be off the tripod.
M:
So you run around.
B:
Yes.
M:
And therefore you've introduced a variation into it that is unnecessary.
B:
I therefore got the information out that I thought was relevant at the
time.
M:
That's right. And therefore what do you see later?
B:
If you put the damn thing on a tripod, you don't get any relevance.
M:
No, you get what happened.
B:
It isn't what happened.
M:
I don't want people leaping around thinking that a profile at this moment
would be beautiful.
B:
I wouldn't want beautiful.
M:
Well, what's the leaping around for?
B:
To get what's happening.
M:
What you think is happening.
B:
If Stewart reached behind his back to scratch himself, I would like to
be over there at that moment.
M:
If you were over there at that moment you wouldn't see him kicking the
cat under the table. So that just doesn't hold as an argument.
B:
Of the things that happen the camera is only going to record one percent
anyway.
M:
That's right.
Die
Anfrage, einen Text zur Arbeit von Jeroen de Rijke und Willem de Rooij
zu schreiben kam zu einem Zeitpunkt, als noch nicht bekannt war, was sie
bei ihrer Einzelpräsentation im niederländischen Pavillon anlässlich
der Venedig Biennale 2005 zeigen würden. Bis dahin schien ihr Werk
zwar nur punktuell, aber regelmäßig in Berührung mit Modi
des Dokumentarischen, des Zeigens einer äußeren"
visuellen Realität: etwa den (nur von Willem de Rooij alleine verantworteten)
Tafelbild-Arbeiten mit Arrangements vorgefundener Pressefotos (Index:
Riots, Protest, Mourning, and Commemoration (as represented in newspapers,
January 2000 - July 2002), oder jene Arbeiten, die mit einer statischen
Kameraperspektive aus der Totalen einen sozial, ethnisch und ethisch ambivalenten
Ort aufnehmen: Of Three Men, 1998, jene Aufnahme des Interieurs einer
zur Moschee umgewidmeten ehemaligen Kirche in Amsterdam; Bantar Gebang,
2000, der Aufnahme eines auf einer Müllhalde errichteten Shantytowns
am Rande von Jakarta; und Untitled, 2001, der Aufnahme eines mitten in
der gleichen Stadt gelegen Friedhofs. Hier lassen sich - ohne die grundsätzlich
verschiedenen Kontexte und die Wichtigkeit künstlerisch-räumlicher
Inszenierung des Filmzeigens im White Cube bei de Rijke/de Rooij unterschlagen
zu wollen - inhaltliche und formale Parallelen zur Diskussion des Films
in der Visuellen Anthropologie ziehen. Zum einen zur älteren Diskussion
des anthropologischen Films, was die Frage der statischen Kamera angeht,
wie sie im oben zitierten Gespräch zwischen Margaret Mead und Gregory
Batsen angerissen wird; zum anderen im Zusammenhang einer jüngeren
Diskussion des ethnographischen Films, die sich der Problematik der Hervorrufung
und Beeinflussung von Geschehen durch die Anwesenheit von Kameras verstärkt
bewusst geworden ist - und das Problem zur Stärke wendet. So diskutiert
Tobias Rees in diesem Zusammenhang den Evokationsbegriff. Evokation,"
so Rees, kommt vom lateinischen evocare und bedeutet soviel wie
anrufen. So wird Evokation gemeinhin verstanden, als das Erwecken von
Erlebnissen bei der Betrachtung eines Kunstwerks, und genau in diesem
Rahmen muss der ethnographische Film operieren [...] Dabei kann es nicht
darum gehen zu evozieren, wie die dortige Realität wirklich sei..."
In Anlehnung an Emanuel Lévinas' Begriff des Anderen argumentiert
er weiter, Erleben heiße nicht, dass ich den fremden Menschen
erfahre, sondern, dass ich das Erlebnis haben kann, dass ich den fremden
Menschen nicht erfahren kann."2 Dies
ist nicht miss zu verstehen als Annahme unüberbrückbarer kultureller
Differenz, sondern im Gegenteil auf einer allgemeiner existentielleren
Ebene, als Eingeständnis einer Nichtrepräsentierbarkeit, die
sich auch polemisch wendet gegen eine repräsentierende Ethnographie...
als koloniale Bilderschau"3 Genau
so nur lässt sich auch das Verhältnis des Betrachters zu den
Protagonisten in den genannten drei Filmen von de Rijke/de Rooij beschreiben.
Doch in Venedig entpuppte sich das neue Werk Mandarin Ducks (2005) als
ein offenbar durchweg mit Skript konzipierter Schauspielerfilm, ein Kammerstück
mit Mitteln des Autorenkinos. Hat sich damit die Frage nach dem Dokumentarischen
erledigt? In einer Hinsicht war sie sicherlich immer schon erledigt bei
de Rijke/de Rooij: dokumentarisch" im Sinne eines rein informativen
visuellen Belegs eines Sachverhalts - also im Sinne des lateinischen Wortstamms
documantum: Lehre, Beweis - war ihre Arbeit nie. Bei ihnen ging es immer
schon nicht nur darum, was zu sehen ist, sondern vor allem darum, wie
es zu sehen ist: um eine ästhetische Operation der Abstraktion und
des Displays. Doch zugleich ist, ironischerweise, gerade dieses jüngste
Werk geeignet, aufgrund seines offensichtlichen Spiel- und Inszenierungs-Charakters,
den eigentlichen Knackpunkt des Dokumentarischen, gewissermaßen
aus dessen emphatischer Verneinung heraus, zu stellen: die Frage der Wahrheit.
Nun ist der Begriff der Wahrheit bekanntlich ein äußerst diffiziler,
drum sei es mir erlaubt, bevor ich konkret auf Mandarin Ducks eingehe,
etwas weiter auszuholen. Es ist zur Routine geworden, die schwierige oder
unmögliche Unterscheidbarkeit des Fiktiven vom Realen zu erläutern
mit dem bereits reflexartigen Verweis auf die - mediale, gesellschaftliche,
psychologische - Konstruiertheit aller Darstellung. Warum ist das unbefriedigend
geworden? Weil es zu implizieren scheint, dass Konstruiertheit auch völlige
Relativiertheit bedeutet, womit die Frage nach der Wahrheit des Dargestellten
indirekt desavouiert scheint: wenn es keine objektive Realität gibt,
wie soll es da objektive Wahrheit, oder auch nur überprüfbare
Wahrheiten geben? Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass auch dem immer
schon" Konstruierten eine gelebte Realität" innewohnt
- und sei es die gelebte Realität" von Verblendungen,
Träumen und medialen Imaginationen - entbindet einen das nicht von
der Frage nach der Glaubwürdigkeit, der Wahrhaftigkeit, der Überprüfbarkeit
des Dargestellten. Es sei denn, diese Frage wird - naiv oder zynisch oder
beides - verleugnet.
Um das gleich klar zu stellen: es geht mir nicht um die Rückkehr
zu einem klassischen universalistischen Wahrheitsbegriff (also jener Wahrheit,
die transzendent durch logische Schlussfolgerung oder dinghaft empirisch
durch Beobachtung zu erschließen ist und universelle Gültigkeit
hat). Sondern darum, überhaupt, für die Betrachtung von Kunst,
einen brauchbaren Wahrheitsbegriff zu suchen. Wie lässt sich ein
solcher retten? Die mediale Verstärkung - oder auch Betäubung
- alles Gesehenen, Gehörten, Gedachten, Gefühlten zwingt zu
der Frage, ob es einen Wahrheitsbegriff gibt, der sich durch alle sozialen
und technisch-ökonomischen Gemengelagen und Filter hindurch bewährt.
Soll kulturelle Äußerung nicht einfach nur egal und allenfalls
hübsch oder shocking sein, muss sie eine Art von Wahrhaftigkeit,
die an anderen Kontexten überprüfbar ist, entwickeln. Sie lebt"
sonst nicht.
Es mag unbefriedigend sein, ist aber notwendig, darauf hinzuweisen, dass
die Antwort nur kontextuell und von Fall zu Fall gegeben werden kann.
Meist ohne Wahrheit" als Kategorie zu führen, machen Kritiker
und Publikum nichts anderes, als Kunstwerke nicht zuletzt danach zu beurteilen,
wie schlüssig ihre ästhetische Konstruktion im Verhältnis
zur übrigen Welt und zur übrigen Kunst wirkt, oder anders gesagt,
wie wahrhaftig" sie sich zur Welt und zur Kunst verhalten (und
sei es in Form einer koketten Lüge). Es ist, als ob wir das Rezipierte
immer wieder neu an einer Art Bestellkatalog zu erfüllender Wünsche
und zu machender Erkenntnisse messen: ob das Werk diese Referenzen summarisch
zusammenhält und aushält", die Wünsche zulässt
und ihnen doch nicht die Erkenntnis opfert, auch wenn sie sich widersprechen.
Wird der Widerspruch ausgehalten, kann dazwischen Wahrheit aufblitzen.
Ein Name für die Gestalt, die die künstlerische Verarbeitung
von Wunsch und Erkenntnis annimmt, wäre im gleichen Zug: Schönheit.
(Wo das Ideal dafür die Verschränkung auf möglichst kleinem
Raum ist, treffen sich der künstlerische und wissenschaftliche Begriff
von Schönheit).
Schönheit, Wahrheit: pathetische Begriffe mit Ewigkeitsaura, die
man eben gerade in das kalte, fließende, glitzernde Wasser ihrer
technisch-medialen Verbreitung und Vermittlung tauchen muss, um überhaupt
wieder mit ihnen arbeiten zu können. Und dann kann man fragen: was
ist die gelebte" Realität von Klischees und Ideologien?
Was passiert, wenn das Geschehen vor der Kamera im wesentlichen vom Aufnehmenden
gesteuert" ist? Wie genau funktioniert das Feedback zwischen
psychischen und medialen Realitäten auf dem Feld körperlich-sprachlicher
Performanz? Und wie genau entsteht dabei Kunst?
An dieser Stelle verweisen - mir scheint, auch das mittlerweile reflexhaft
- zahlreiche Texte auf Michel Foucaults Begriff einer Politik der
Wahrheit." Die besseren dieser Texte hüten sich vor einer platten
relativistischen Lesart - im Sinne eines es gibt viele subjektive
Wahrheiten und daher keine Gültigkeiten" - vor der man Foucault
sicher in Schutz nehmen muss.4 Doch schaut
man sich die von ihm gegebene Definition an, so findet sich dennoch ein
logischer Widerspruch. Foucault sagt, er verstehe unter Wahrheit nicht
das Ensemble der wahren Dinge, die zu entdecken oder zu akzeptieren
sind", sondern das Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre
vom Falschen geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen
ausgestattet wird".5 Er führt
mit letzterer Definition, ohne dies näher zu erläutern, effektiv
zwei Wahrheitsbegriffe ein: nämlich zum einen die Wahrheit als Ensemble
der Regeln" selbst (das Ensemble, das scheidet und ausstattet), zum
anderen Wahrheit als Produkt eben dieses Ensembles (das Geschiedene, das
Ausgestattete). Wahrheit gebiert sich selbst. Spitzfindig könnte
man sagen, es gebe sogar noch eine dritte Ebene: nämlich die der
Kritik oder Identifizierung eben dieses Ensembles der Regeln"(also
dessen, was Foucault an anderer Stelle Episteme, also kognitive Ordnungen
nennt). Wobei sich dieser Einwand mit etwas Mühe noch dahin abwenden
ließe, dass Foucault sicher nicht zögern würde, seine
eigene Aussage selbst als Beispiel dessen, was er beschreibt, einzuordnen
(also als Operation, die das Wahre vom Falschen scheidet und mit spezifischen
Machtwirkungen" ausstattet - in diesem Fall seiner eigenen intellektuellen
Autorität). Letztlich erscheint aber Foucaults Definition vor allem
als unausgesprochenes Abgrenzungsmanöver gegenüber der Ideologiekritik
der Frankfurter Schule (deren Nähe der späte Foucault eher bereit
war zu akzeptieren): denn was ist die Untersuchung des Ensembles der Regeln,
nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und mit Macht ausgestattet
wird anderes als eben das - Ideologiekritik?
Es bleibt der Knackpunkt, wer mit welcher Autorität spricht, und
wie sich auf dieser Grundlage einer ungeklärten Voraussetzung - und
sei es nur über Wahrheiten, nicht die Wahrheit - überhaupt zu
verständigen sei. Wenn wir von Foucault ausgehen, stehen wir vor
dem Dilemma, dass alle Wahrheiten - ob nun als Ensemble der Regeln"
selbst oder als deren Produkt - nur in eben jener Ausstattung mit Macht
begründet scheinen, die sie sich sozusagen selbst zusprechen: also
letztlich willkürlich. Das mittlerweile klassische Gegenmodell ist
das des kommunikativen Handelns nach Jürgen Habermas: Wahrheit als
Konsens, Wahrheit als letztlich nur argumentativ einlösbar. Doch
auch Habermas produziert damit reichlich Widersprüche, vor allem
diesen: wie konstituiert sich der Raum, in dem diese Argumente überhaupt
ausgetauscht werden, und wer bestimmt dessen - nun wieder mit Foucault
- Ensemble der Regeln"? Wer oder was entscheidet darüber,
welche Positionen zu diesem Prozess der Konsensbildung überhaupt
zugelassen sind? Es wäre naiv zu sagen: das bessere Argument. Dass
bereits geflügelte Habermassche Wort des Herrschaftsfreien
Diskurses" beschwört hier, wie vielfach festgestellt worden
ist, einen Weg aus dem Dilemma eher, als tatsächlich argumentativ
einen Weg aufzuzeigen. In den letzten Jahren hat Habermas dann auch eher
eine Art Sophistication" dessen angestrebt, was man Wahrheitsintuition"
nennen könnte. Für diese formale Unterstellung einer objektiven
Welt"im Dienste von Verständigungs- und Handlungsfähigkeit
findet Habermas folgendes Bild: "Wir betreten keine Brücke,
an deren Statik wir zweifeln.6 Dem Realismus
der Alltagspraxis entspricht ein - freilich nur performativ mitlaufender
- Begriff von unbedingter Wahrheit, von Wahrheit ohne epistemischen Index."7
Das Problem ist hier, dass der Grundoptimismus der in dieser Allegorie
des Betretens von Brücken enthalten ist - und sei er noch so sehr
imprägniert mit dem Wissen um die skeptizistischen Einwände
selbst gegen einen rein formalen Vorgriff auf eine objektiven Weltbezug
- sofort enttäuscht wird, sobald man sich Grenzszenarien"
(um im Bild der Brücke zu bleiben) der Brückenkonstruktion vorstellt.
Ein schönes Beispiel aus der Wirklichkeit ist Sir Norman Fosters
Millenium Bridge in London, deren Betreten zu Anfang, vor entsprechenden
Nachbesserungen, eben gerade mit Zweifeln an ihrer Statik verbunden war.
Entspricht nicht dieses Beispiel viel eher der Wirklichkeit des alltagspragmatisch
gebrauchten Wahrheitsbegriffs? Stellt sie sich im Zusammenhang von Handlungen
nicht eher in den unwahrscheinlichen, unentschiedenen Situationen denn
im Zusammenhang entschiedener" Gewissheit und verbürgter
Gewohnheit (etwa jener, über eine vielfach bereits betretene Brücke
zu gehen)? Zugleich ist es, als mische sich hier in das pragmatische Vertrauen
in die Wahrheitsintuition" eine Nietzscheanische notwendige
Illusion", also eine nicht in letzter Konsequenz überprüfbare,
womöglich gar falsche Annahme, die uns aber erst das Handeln ermöglicht
(man denke, um im Bild zu bleiben, an Abenteurfilmszenarien, in denen
Brücken zum rettenden Ufer überquert werden, in der Annahme
sie seien noch stabil - bevor diese endgültig zusammen brechen).
Wenn man also die Argumentationslinien von Foucault und Habermas gegeneinander
hält, wäre ein brauchbarer Wahrheitsbegriff, vereinfacht gesagt,
vielleicht zu suchen in einem fortwährenden dialektischen Bewegung,
die man zugleich auch als Blaupause für den jüngsten filmische
Paradigmenwechsel bei de Rijke/de Rooij lesen kann: zwischen pragmatischer
Unterstellung einer objektiven Welt", die mithilfe eines gedachten
gemeinsamen Maßstabs - z.B. universaler Menschenrechte - die Möglichkeit
der Verständigung über Partikularitäten hinweg aufscheinen
lässt, und der Skepsis gegenüber der Realisierbarkeit eben dieser
pragmatischen Unterstellung unter den Bedingungen eben dieser Partikularität.
Einfacher ist die Wahrheit leider nicht zu haben.
Mandarin Ducks ist ein Drama, in dem die pragmatische Unterstellung
einer objektiven Welt" ins Fegefeuer der Eitelkeiten geworfen wird.
Ist Verständigung möglich? Ja, aber nur in Form fieser, sarkastischer
Seitenhiebe. Können wir zusammen leben? Ja, aber nur, um uns dabei
fortwährend zu piesacken. Konkret: wir erleben das zunächst
idyllisch wirkende, sonntagnachmittägliche Zusammensein einer sichtlich
großbürgerlichen, großstädtischen Gruppe von Menschen.
Die Kamera fährt in einer langen Links-nach-Rechts-Fahrt die entspannt
auf Sofas sitzenden Protagonisten wie die Hügel einer romantischen
Landschaft ab. Sexuelle und ethnische Grenzen scheinen fließend,
Trauben werden gegessen, Gesichter und Hände sind im stummen Austausch,
verschwommen dekadente Smalltalk-Stücke (...high from nail
varnish") und wohlig klirrende Champagnergläser erklingen, kurz,
ein Olymp der gepflegten Entspanntheit. Doch schon bald schiebt sich Trieb
und Aggression in die vermeintliche Harmonie. Carlito, ein schlanker Mann
mit Haifischlächeln, glaubt, der sanftmütig wirkenden Sabine
gestehen zu müssen, dass er ihr einen Gefallen tue, ihrer invitation
for abuse" nicht zu folgen, er sei an animal, a hunter."
Fact is, I'm doing every person in this room a favour by not creating
this situation of poor little Sabine being brutally raped." Doch
sein viriler Verbal-Triumph schrumpelt schnell zusammen: that is
such a desparate statement, Carly," erwidert Sabine, if there
is any one in this room who needs a loving pair of arms it's you."
Und es kommt noch schlimmer. Aus dem Off erklingt eine wohlmodulierte,
väterliche Stimme. Carlito, before you respond to my daughter's
illuminating remark, just remember, there is strength in restraint,"
gefolgt von einem gönnerhaft therapeutischen: It would be my
pleasure to help you come to grips with any..." - und schon ist,
in der unheimlichen Gegenwart des Vaters seines vermeintlichen Opfers,
aus dem brutalen Jäger ein bedauernswerter Gefühlskrüppel
geworden.
Was zunächst wie das Szenario eines Symposions im antiken Sinne aussah
- philosophisches Plaudern in geselliger Runde, ein herrschaftsfreier
Diskurs - entpuppt sich als dramatische Konstellation: die erkennbar theaterhaften
Räume sind wie ein Gefängnis, das die Protagonisten dazu zwingt,
die Antagonismen zwischen ihnen schmerzlich sichtbar werden zu lassen.
Freigang" gibt es nur zum Shoppen oder Geschäftemachen.
Wie in der Southfork Ranch findet, während der böse Daddy sich
einen Drink einschenkt (er heißt ausgerechnet Man Ray - vielleicht
als Kunstvariante von J.R.? - und sieht ein wenig aus wie Rem Koolhaas),
ein giftiger Schlagabtausch mit der trotzigen Tochter statt. Er beschwert
sich unverhohlen rassistisch über den migrantischen Taxifahrer: it's
a mistery - how these immmigrants can take a job, driving hard working
people around their own city, without knowing the bloody way", und
seine Tochter antwortet mit: thank you for sharing your wonderful
post-imperialistic philosophy with us." Sie trägt eine dunkle
Pagenschnitt-Perücke, und ihr bissiges Statement trägt sie,
in die Kamera blickend, im Stil des Vogueings von Dragqueens vor, also
in überbetonten Zitaten von Frauenposen, hier jenen der Dominanz.
Doch es gibt kein Ausbrechen aus den Räumen.
An diesem Ansatz erweist sich bereits eine deutliche Parallele zu Rainer
Werner Fassbinder: während bei dessen Filmen die proletarisch-kleinbürgerlichen
Protagonisten in klaustrophobisch engen Wohnungen leben, zeigt er die
Angehörigen der Oberschicht wie exotische Fische in einem Aquarium,"
wie Wilfried Wiegand schreibt: Durch Zimmerpalmen und Blumenschmuck
hat er den Räumen in vielen seiner Filme diesen Effekt gegeben."8
Auch bei Mandarin Ducks entsteht ein ähnlicher Eindruck: hier ist
es farbiges Fensterglas mit islamischen Motiven, ein japanischer Schminktisch
mit kaleidoskopisch aufgefächertem Spiegelglas, Kuhhäute mit
Zebramuster, ein japanischer Paravent mit dem Motiv eines Pärchens
von Mandarin Enten, und nicht zuletzt ein künstlich leuchtender,
illusionärer Horizont, die diese Assoziation hervor rufen.
Sprache versagt zuletzt. Eine längere Sequenz, eingeleitet von der
Großaufnahme eines zu Boden fallenden Kristallglases, zeigt Vater,
Mutter und Tante bei langen, wie Screentests" wirkenden Schauspieler-Lachorgien
- schwankend zwischen albern-beschwipst, obszön und aufgesetzt-aggressiv.
Verzerrte Münder, bleckende Zähne, im grellen Seitenlicht wie
eingemeißelt wirkende Krähenfuß-Lachfalten. Eine weitere
Protagonistin - auch sie auf vergeblicher Suche nach Liebe und Erfüllung
- sagt: I feel like I'm stuck in a babushka of realities",
bevor schließlich, in einer stummen Schlusssequenz frostige Blicke
und wimmerndes Weinen den traurigen Reigen beschließen. Alle Anwesenden
sind Mandarin Ducks: privilegierte Tiere, gefangen in erkalteten Liebesbeziehungen.
Es wird sehr deutlich, dass die Wahrheit, um die es hier geht, nicht jene
einer möglichst unbeeinflusst abgefilmten äußeren
Realität" ist, genauso wenig aber die Wahrheit, die im argumentativen
oder therapeutischen Austausch eruiert wird. Bei Carlito z.B. erweist
sich in seiner Begegnung mit dem schwulen, effeminierten Sohn, dass seine
Pose viriler Heterosexualität weit ambivalenter zu lesen ist, als
nach dem therapeutischen Gespräch" mit Sabine und ihrem
Vater angenommen. Gerade in der betont künstlichen Pose, im ausgestellt
bühnenhaften Spiel, blitzt Wahrheit gewissermaßen wie in einer
indirekten Spiegelung auf: als Wahrheit des Begehrens. Diese Technik hat
einen berühmten Vorläufer: das Stück im Stück bei
Shakespeares Hamlet. Die mehrfach gebrochene Überlagerung von Darstellungsebenen
(bei Mandarin Ducks: Autorenfilm, Theater, Vogueing und Fernseh-Soap)
löst einen Diskurs über Wahrheit aus: bei Shakespeare darüber,
ob der König seinen Bruder umgebracht hat, bei Mandarin Ducks über
den Zusammenhang von Besitz und Grausamkeit.
Um auf die philosophische Frage der Wahrheit zurück zu kommen: das
Foucaultsche Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen
geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestattet
wird," wird vollends seines voluntaristischen Untertons beraubt -
denn jene, die so souverän von der Ausstattung mit Machtwirkungen"
profitieren zu schienen, wirken zu gleich gefangen in den Widersprüchen,
die dies produziert. Während dessen erscheint die Habermasche Vorstellung
eines argumentativen Austauschs, der zu einer konsensuellen Wahrheit führt,
als sein exaktes Gegenteil: als Streit, der zum Zusammenbruch führt.
Doch in dieser Komplementarität scheint die Vorstellung dennoch als
verlorenes Ideal noch einmal auf.
Es wird deutlich, dass de Rijke/de Rooij die Kamera und ihre aktive Einflussnahme
auf das, was vor ihr geschieht, nicht zuletzt deshalb entfesselten",
um der Illusion entgegen zu arbeiten, sie hätten mit ihren vielfach
gezeigten Arbeiten der jüngeren Zeit - jenen eingangs erwähnten,
in denen sie mit einer statischen, langen Kameraeinstellung arbeiten -
einen privilegierten Zugang zur Produktion von Wahrheit im Bild gefunden.
Es ist mit Mandarin Ducks nun das Hamletsche Spiel im Spiel, die betonte
Pose im künstlichen Setting, in der gerade Wahrheit, zu allermindest
Wahrhaftigkeit aufblitzt - allerdings nicht als Garantie. Die Ironie besteht
gerade darin - und das war das Handwerk" eines Regisseurs wie
Fassbinder, der ja vom Theater kam - dass die Schauspieler ihr Handwerk"
wieder vergessen müssen, die Pose als Pose erkennbar lassen müssen,
um etwas über ihre Figur zu verraten. Die Verschiebung von statischer
zu geschnittener Bildfolge, von scheinbar vorwiegend dokumentiertem zu
offensichtlich ausschließlich einstudiertem menschlichem Verhalten,
von atmosphärischem Sound zu geskripteter Sprache, ist somit auch
eine von passiver" zu aktiver" Stellungnahme.
Man könnte (mit Slavoj Zizeks Lacan-Interpretation) sogar sagen -
ohne diesen Vergleich als Pathologisierung missverstanden wissen zu wollen
- dass es ein Schritt von der Zwangsneurose zur Hysterie ist. Der Zwangsneurotiker
lügt in der Gestalt der Wahrheit, seine faktische Genauigkeit (hier:
das scheinbar neutrale, akkurate Zeigen einer äußeren visuellen
Realität) enthält sein Begehren nur in verschlüsselter
Form. Der Hysteriker hingegen sagt die Wahrheit in Gestalt der Lüge:
das Begehren offenbart sich gerade in den Verzerrungen faktischer Genauigkeit
(hier: das offensichtlich gestellte Zeigen von Rollenverhalten).9
Dieser Schritt vom zwangsneurotischen" zum hysterischen"
Modus der Bilderproduktion ist auch einer der Risiken: man gibt Abstraktion
und Distanzierung graduell auf (ohne einfach Abstraktion als solche aufzugeben),
stürzt sich mitten in die verkomplizierte Produktion von Wahrheit,
stellt sich - auch handwerklich" - plötzlich unweigerlich
in Konkurrenz zu anderen Stellungnehmenden (in diesem Fall, auch wenn
sich die Künstler nicht plötzlich als Filmemacher' verstehen
und sich weiterhin im Zusammnehang von Kunst, nicht Kino sehen: den großen
Autorenfilmern von Godard bis Fassbinder, einer extrem harten Konkurrenz)
- und legt damit zugleich offen, dass man tatsächlich auch vorher
schon nie unbeteiligt war. Das Ziel ist gewissermaßen (um das eingangs
zitierte Bild von Margaret Mead und Gregory Batsen zu variieren) zu filmen,
wie der Protagonist sich am Rücken kratzt - und allein darin schon
erkennen zu lassen, dass er gerade die Katze unterm Tisch tritt. Gar nicht
so leicht.
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Anmerkungen
1 Stewart Brand, Gespräch mit Gregory Bateson und Margaret
Mead, CoEvolutionary Quarterly, Juni 1976, Nr. 10, S. 32-44, ebenso: http://www.oikos.org/forgod.htm
2 Tobias Rees, Writing Culture - Filming Culture. It was
real: Unendlichkeit versus Repräsentation", Referat anläßlich
der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde
(5.-10.10.1997, Frankfurt a.M.), gehalten am 10.10.1997, http://www.iwf.de/easa/brd/
3 ibid. 4 Zu diesen besseren Texten zähle ich Hito
Steyerl, Politik der Wahrheit - Dokumentarismen im Kunstfeld",
in Vít Havránek, Sabine Schaschl-Cooper, Bettina Steinbrügge
(Hg.), The Need to Document, JRP Ringier, Zürich 2005, S. 53-64 5
Michel Foucault, Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen
und Wahrheit, Merve Verlag Berlin, 1978, S. 53 6 Jürgen Habermas,
Wahrheit und Rechtfertigung, Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M., 1999, S.
208 7 Jürgen Habermas, a.a.O., S.52 8 Wilfried Wiegand,
Die Puppe in der Puppe. Beobachtungen zu Fassbinders Filmen",
in Peter W. Jansen und Wolfram Schütte (Hg.) Rainer Werner Fassbinder,
Reihe Film 2, Hanser Verlag München 1985, S. 29-62, S. 39. Interessant,
dass Wiegand das Bild der (russischen) Puppe in der Puppe in der Überschrift
zu Fassbinder generell verwendet, denn der Begriff taucht in Mandarin
Ducks ebenfalls auf: I feel like I'm stuck in a babushka of realities"
, sagt eine Protagonistin: in diesem Bild läuft die Vorstellung des
Gefangenseins in einem Zwangszusammenhang und des fortwährenden Performierenmüssens
der eigenen Person zusammen. 9 Slavoj Zizek, Desire: Drive
= Truth: Knowledge", 1997, http://www.gsa.buffalo.edu/lacan/slavvy.html
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